Es war der 14. August 2019. Ich befand mich in einer Buchhandlung in Cân Thó im Süden Vietnams. Draußen floss der Verkehr unaufhörlich vorbei, ein endloser Strom aus Rollern, Stimmen und Geräuschen. Drinnen hingegen herrschte eine andere Welt, geprägt vom Geruch von Papier und Staub.
Ich ging ohne Ziel zwischen den Regalen umher, wie ich es in fremden Ländern oft tue. Sprachen, die ich nicht verstehe, üben eine besondere Anziehung auf mich aus. Sie sind wie verschlossene Türen, hinter denen sich etwas verbirgt. Vietnamesisch gehörte nicht zu meinen Sprachen, und vielleicht war es genau das, was mich dort hielt.
Erst als ich mich setzte und ein Buch öffnete, bemerkte ich, dass der Text nicht Vietnamesisch war, sondern Indonesisch. In diesem Moment änderte sich alles. Plötzlich konnte ich eintreten, statt nur davorzustehen. Während ich las, zog sich die Welt um mich herum zurück. Geräusche wurden leiser, Bewegungen verschwammen. Die Stadt wurde zu einem fernen Rauschen.
Irgendwann wurde diese Stille unterbrochen. Ich wurde bemerkt, oder vielleicht bemerkte ich sie — solche Augenblicke lassen sich später nur schwer eindeutig einordnen. Ihr Name war Ivana Rohmah, sie kam aus Jakarta. Sie arbeitete als Grundschullehrerin und schrieb nebenbei Geschichten, ohne viel Aufhebens darum zu machen.
Wir setzten uns gemeinsam an den Tisch am Fenster. Es fühlte sich selbstverständlich an, fast unvermeidlich. Vor uns standen einfache Getränke, und draußen wurde das Licht weicher. Die Zeit schien sich dem Moment anzupassen.
Wie es manchmal geschieht, führte das Gespräch zu einem Geruch. Patchouli. Für mich war das mehr als ein Begriff — es war eine Erinnerung. Ich hatte einmal mitten in diesen Feldern gestanden, und ich wusste, wie hartnäckig dieser Duft sein konnte. Er blieb, lange nachdem man gegangen war.
Dieser Geruch führte mich zurück zu einer Geschichte, die mich schon länger begleitete. Ich hatte mehrfach versucht, sie zu schreiben, war aber immer wieder daran gescheitert. Dennoch hatte sie bereits einen Titel: *Patchouli*.
Ich bemerkte, dass sie anders zuhörte als die meisten Menschen. Aufmerksam, ruhig, als würde sie nicht nur meine Worte aufnehmen, sondern auch das, was noch unausgesprochen blieb. Als sie von ihrer Großmutter in Amsterdam erzählte, wurde für einen Moment etwas Tieferes spürbar. Ich ließ es dabei. Nicht alles muss sofort ausgesprochen werden.
Als sie mich bat, das Manuskript lesen zu dürfen, gab ich es ihr. Ich beobachtete, wie sie las, wie sie an einzelnen Stellen innehielt. Diese Art von Aufmerksamkeit sagt mehr als jedes Urteil.
Langsam veränderte sich etwas zwischen uns. Unmerklich, aber deutlich. Die Distanz wurde geringer. Draußen senkte sich der Abend über die Stadt, warm und ruhig.
Was dort entstand, war nichts Großes im dramatischen Sinn. Gerade die Schlichtheit gab dem Moment sein Gewicht. Ich sah, dass es sie glücklich machte — auf eine ehrliche Weise. Und in mir wuchs das Gefühl, dass dieser Augenblick mehr war als Zufall.
Als wir schließlich aufstanden, beschlossen wir, gemeinsam weiterzugehen. Eine einfache Entscheidung — und doch sind es oft genau solche Momente, die etwas in Bewegung setzen.
Rückblickend glaube ich, dass alles schon mit diesem einen Detail begonnen hatte. Mit diesem Geruch. Als hätte die Geschichte längst begonnen, ohne dass ich es bemerkt hatte.
Hier liest du mehr über meine Ideen für Geschichten und Zusammenarbeit.
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