Ich bin gut nach Hause gekommen.
Und du?
Unser erstes FaceTime-Gespräch, zwei Tage nach der Frankfurter Buchmesse.
Ich scrolle durch Flugverbindungen auf meinem Bildschirm.
Ihr Mann taucht im Bild auf, kaut und sagt nur: „Hei!“
Mein Blick bleibt an der Tastatur hängen.
Warum gibt’s eigentlich kein rotes Kreuz auf so einem Ding?
Klar, ich habe das ganze Manuskript gelesen.
Richtig gut – darf ich da tiefer reingehen?
Kurz gesagt:
Schulterzucken. Und wieder dieser stolze Blick.
Louise.
Eine Woche lang bin ich voll drin im Thema Turner-Syndrom.
Internet? Bringt mich nicht wirklich weiter.
Kinderkliniken? Besser. Und dann werde ich weiterverwiesen.
Und plötzlich sitze ich in einem Videocall mit dem Children’s Hospital of Philadelphia.
Ein Spezialist ist dabei. Nach einer halben Stunde kommt noch eine Psychologin von der Turner Syndrome Foundation aus Hazlet (USA) dazu.
Das Ganze dauert länger als geplant. Deutlich länger.
Irgendwann sagt jemand: „Du solltest mal was essen.“ Tja. Ich hänge halt mit den Medizinern im Call.
Es ist ein langes Gespräch. Total engagierte Leute. Noorderlicht ist bei ihnen angekommen.
„Wann kommt es raus?“
„Ich denke morgen.“
Wir lachen und verabschieden uns.
Und sie bleiben wirklich dran.
Kein leeres Versprechen.
Ich bekomme Videos mit Interviews geschickt.
Und plötzlich wird mir klar, wie heftig die psychische Belastung ist, mit der diese Mädchen und jungen Frauen leben.
Ich verstehe ihr Manuskript jetzt ganz anders.
Diese Momente, in denen sie nicht mehr weiterweiß.
Mein Kopf ist voll. Komplett. Turner-Syndrom.
Eine von 2500 Mädchen und Frauen.
In meinem Postleitzahlengebiet wären das rein rechnerisch 16.
Und dann – im Supermarkt.
Ich erschrecke.
Eine junge Frau versucht, ihre Tochter in den Fahrradsitz zu heben.
Ich bin nicht jemand, der sich einfach einmischt.
Ich lasse die Leute in Ruhe. Warte, ob jemand selbst etwas sagt.
Sie sagt nichts.
Aber sie schaut mich an. Kein Lächeln.
Nur dieser Blick. Voller Last.
Glaub mir – das geht einem echt nah.
Ein paar Tage später.
Dann nehme ich mir das Manuskript nochmal vor.
Ich schaue aus dem Fenster, sehe spielende Kinder.
Das Geräusch holt mich zurück an den Bildschirm.
Und da ist sie plötzlich: die Lösung.
Es muss anders.
Bjørk, meine Hauptfigur.
Um sie herum muss mehr Leben entstehen.
Sie muss raus aus dem Mittelpunkt – und dann langsam wieder rein.
Genau das gibt der Geschichte Luft.
Schritt für Schritt Richtung Kern.
Und ja – es funktioniert.
Ich kriege es hin. Erstmal roh, aber es steht.
Wochen später: meine Änderungen, ein neuer Anfang, zusätzliche Szenen.
Und langsam wird klar, worum es eigentlich geht.
Ihre Reaktion?
Sie weint.
Die zweite Szene mit Bjørk –
die trifft direkt ins Herz.
Genau so war es gedacht.
Fortsetzung folgt.
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